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Götterdämmerung: Der schlafende Gigant Indien ist erwacht

Götterdämmerung: Der schlafende Gigant Indien ist erwacht - Eine Kolumne von Chris Punnakkattu Daniel und Arunava Chaudhuri

Die FIFA U-17 Weltmeisterschaft 2017 in Indien hat alle Rekorde gebrochen und sendet ein klares Signal an die Fußballwelt: Indien liebt den Fußball und strebt nach mehr! Kann es sich der deutsche Fußball weiterhin erlauben, Indien zu ignorieren und das Glück ausschließlich in China und den USA zu suchen? Eine kritische Kolumne von Chris Punnakkattu Daniel und Arunava Chaudhuri.

Es war der 5. Dezember 2013 als der Fußballweltverband FIFA Indien als Ausrichter der FIFA U-17 Weltmeisterschaft 2017 bekanntgab. Erstmals sollte Indien ein FIFA-Turnier ausrichten und somit auch erstmalig an einer WM-Endrunde teilnehmen. Eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen für den Fußball in Indien und einer damit verbundenen positiven Entwicklung.

Meistbesuchtes FIFA-Jugendturnier aller Zeiten

Mit dem Finale der U-17 Weltmeisterschaft am 28. Oktober 2017 in Kalkutta hat Indien alle Kritiker und Skeptiker eines besseren belehrt: Indien hat sich nicht nur als ein exzellenter Gastgeber präsentiert, sondern vor allem seine Begeisterung für den Fußball deutlich unter Beweis gestellt. 1.347.133 Zuschauer verfolgten die Spiele live in den sechs WM-Stadien. Die durchschnittliche Zuschauerzahl lag bei 25.906 Fans pro Spiel. Bei Spielen mit indischer Beteiligung sogar bei 49.000. Die Partie Deutschland gegen Brasilien verfolgten 66.613 Zuschauer live, während die Seite fifa.com beim Ticketverkauf für die Halbfinalbegegnung Brasilien gegen England aufgrund der hohen Nachfrage zusammenbrach. Es sollen allein für dieses Spiel über 1 Millionen Ticketanfragen eingegangen sein.

Die FIFA U-17 Weltmeisterschaft Indien 2017 ist nicht nur die bisher meistbesuchte Edition eines FIFA U-17-Turniers. Nein, es ist das meistbesuchte FIFA-Turnier aller Zeiten im Junioren-Bereich! Die bisherigen Bestmarken von 1.230.976 Zuschauern (FIFA U-17 WM China 1985) und 1.309.929 Zuschauern (FIFA U-20 WM Kolumbien 2011) wurden überboten.

Indien ist nicht nur die Zukunft, Indien ist bereits die Gegenwart

Indien ist ein Land mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern, einer rapide wachsenden Mittelschicht und einer fast 150-jährigen Fußballtradition. Seit vielen Jahren wird Indien im Rahmen der Internationalisierungsstrategien von deutschen Profivereinen als „Zukunftsmarkt“ betitelt. Doch die Zukunft hat auf indischem Boden bereits begonnen.

Die Premier League und die LaLiga haben die Entwicklung längst realisiert und ihre Aktivitäten in Indien verstärkt. Büros in Indien, Trainingscamps, Austausch von Know-how, Public Viewings, Fan-Events oder auch Medienformate speziell für das indische Publikum sind nur einige der zahlreichen Aktivitäten. Die Premier League hat so zum Beispiel die WM-Begeisterung im Land clever genutzt und während des Turniers sein bekanntes „Premier League LIVE“ Event in Bangalore veranstaltet. Über 30.000 Menschen strömten bei schlechtem Monsunwetter zur Veranstaltung.

Die Bundesliga und ihre Vereine zögern und verlieren – wieder mal – den Anschluss (siehe „Bundesliga, LaLiga & Indien: Die einen diskutieren, die anderen ergreifen die Chance„; Dezember 2016). Und das obwohl der FC Bayern München oder auch die TSG 1899 Hoffenheim durch ihre Indienreisen in der Vergangenheit wertvolle Arbeit geleistet hatten.

Die U-17 Weltmeisterschaft hat deutlicher denn je gezeigt, dass Inder Fußball lieben, gerne Geld dafür ausgeben, die Politik, Wirtschaft und Medien bereit sind den Fußball zu fördern. Das sportliche, wirtschaftliche und mediale Potenzial auf dem indischen Subkontinent sind riesig.

Indien ist kein „One-Hit-Wonder“, sondern verspricht Nachhaltigkeit

Das die FIFA U-17 WM solch ein großer Erfolg wurde, ist für uns keine Überraschung. Vielmehr ist es eine Bestätigung dafür, was wir bereits seit der Erstellung eines 200-seitigen Indien-Berichts für die Deutsche Fußball-Liga (DFL) im Jahre 2004 in unseren zahlreichen Gespräche mit Vereinen und Verbänden vermitteln: Indien ist im Bereich der Internationalisierung nicht nur eines der Zielmärkte in denen man frühzeitig und langfristig aktiv sein muss, sondern vermutlich sogar der wichtigste Markt überhaupt, da hier aufgrund der historischen, sportlichen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten nachhaltige Erfolge sicher sind.

Damit ist keineswegs gemeint, dass Märkte wie China oder die USA weniger relevant sind und vernachlässigt werden sollten. Es ist lediglich ein Fingerzeig, dass ein riesiges Land wie Indien so viel Potenzial bietet und bislang nahezu unberührt ist. Die Scheu vor diesem großen Land scheint riesig zu sein.

Die Seidenstraße führt nicht nur nach China

Borussia Dortmund hat auf dem chinesischen Markt wichtige Erfahrungen gesammelt und die richtigen Schlüsse gezogen. Der BVB geht nun in China einen Weg, welchen wir auch für Indien als einen Schlüssel zum Erfolg sehen: Langfristige Denkweise, Bereitschaft finanziell für einen längeren Zeitraum von fünf bis zehn Jahren in Vorleistung zu gehen, Zusammenarbeit mit Partnern die sowohl die deutsche als auch die einheimische Kultur, Mentalität und Denkweise verstehen und leben.

Indien ist trotz der Aktivitäten der Premier League und der LaLiga immer noch ein offener Markt. Das bedeutet, dass sich die Mühe lohnt, sich ernsthaft mit Indien auseinanderzusetzen. Eine Mühe die sich unserer Meinung nach die Bundesligavereine machen sollten, da ihr Bestreben einer nachhaltigen Internationalisierungsstrategie in Indien auf fruchtbaren Boden treffen würde. In einem Land wie China sind bereits etliche Vereine aktiv und daher erscheint es doch mehr als nur logisch sich als Bundesligist in Indien zu präsentieren. Die Zeit ist dafür mehr als nur reif. Vielleicht ist es auch schon der „final call for boarding“…

Indiens Premier Narendra Modi bittet um deutsche Hilfe

Wie hoch die Wertschätzung des deutschen Fußballs in Indien ist zeigte sich im Mai 2017, als Indiens Premierminister Narendra Modi bei einem Staatsbesuch in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel traf. Modi machte auf der gemeinsamen Abschlusspressekonferenz mit Frau Merkel deutlich, dass die Bundesliga in Indien ein hohes Ansehen genießt und viele Anhänger hat. Er sei überzeugt, dass Indien von der deutschen Erfolgsgeschichte lernen könne und äußerte den Wunsch einer deutsch-indischen Kooperation zur Förderung und Entwicklung des Fußballs.

Die FIFA U-17 Weltmeisterschaft Indien 2017 hat die Brust von 1,3 Milliarden Indern und der großen indischen Diaspora rund um den Globus voller Stolz anschwellen lassen. Der Wunsch dieses Momentum zu nutzen ist groß und der indische Fußballverband AIFF (All India Football Federation) hat bereits offiziell seine Bewerbung für die FIFA U-20 Weltmeisterschaft 2019 eingereicht.

Der „schlafende Gigant“ des Weltfußballs ist nun mit einem riesigen Knall erwacht und ganz nach dem offiziellen U-17-WM-Slogan „Football Takes Over“ auf sich aufmerksam gemacht. Wird die Bundesliga ebenfalls aufwachen und die Chance in Indien ergreifen oder verschläft man den richtigen Zeitpunkt? Sehen wir wieder einmal, wie sich die Premier League und die LaLiga in einem großen Zielmarkt vor der Konkurrenz etabliert?

Autoren

Arunava Chaudhuri und Chris Punnakkattu Daniel sind zwei deutsche Fußballexperten mit indischen Wurzeln mit einer fast 20-jährigen Karriere im Fußball. Ihren Anfängen als Sportjournalisten folgte eine Tätigkeit in den Bereichen Projektentwicklung & -management, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit mit einer besonderen Expertise für Indien. Sie zeichnen sich unter anderem verantwortlich für Indienprojekte des DFB, der DFL, der Vereine FC Bayern München und TSG 1899 Hoffenheim und Tätigkeiten für internationale Vereine und Verbände wie die All India Football Federation.